Ein Tag ohne Email

November 28th, 2008

Vor zwei Jahren versuchte ich, sechs Monate lang nichts Neues zu kaufen – ausgenommen waren Lebensmittel. Die Idee dahinter kam von Vivienne Westwood, die als Teil ihrer “active resistance to propaganda” ihren Modedesignstudentinnen und -studenten diese persönliche Aufgabe stellte. Ich war keine Modedesignstudentin, aber freute mich über eine kontraproduktive Aufgabe.

Ich befand, dass genügend Produkte im Umlauf waren und dass ich selbst zu viele Dinge besaß, die ich als Währung benutzen könnte. Strategien, um neue Dinge zu erlangen, wären gewesen: Tauschen, Leihen, Wünschen (und das Gewünschte geschenkt bekommen), Selbermachen. Und alte Sachen von anderen bekommen, die dann wiederum in meinen Händen mir als neu vorgekommen wären. Ich hielt zwei Monate durch, wie unkonsequent, wie peinlich, hatte ich eine Konsumabhängigkeit? Jetzt, mit der am Horizont drohenden Rezession, wäre das Kaufen wieder politisch korrekt. Vielleicht sollten wir doppelt so viel konsumieren wie sonst? Und Schulden machen? Um die Wirtschaft, die ja voller Schulden aber ohne Schuldbewusstsein ist, anzukurbeln? Aber weil man damit nur den Teufel mit dem Feuer bekämpfen würde – mehr Geld ausgeben, damit mehr Geld in irgendwelchen Unternehmensschulden verschwindet, jetzt mal naiv-wirtschaftlich gesagt – ist Umdenken angesagt. Schon wieder. Immer wieder.

Man sollte besser Werte schaffen – ohne Werte zu vergeuden. Aber wie? Da kommt der Vorschlag einer niederländischen Initiative, einen Email-freien Tag einzuführen, zur rechten Zeit. Um sich nicht mit dem Löschen und Speichern sinnloser Posteingänge zu beschäftigen, schlägt sie vor, man solle direkt kommunizieren: sich besuchen, den Kollegen im Nebenzimmer fragen oder zur Not zum Telefonhörer greifen – und sich damit der Versklavung durch die digitale Kommunikation entziehen. Die Zeit, die damit frei wird, könne man produktiv benutzen. Und die Wirtschaftskrise überdenken. Und überlegen, was ein Wert ist, was wirklich wertvoll ist. PS: Das Bild stammt vom australischen Künstler Ben Frost: Flyer zu seiner Ausstellung “Crapitalism”, in etwa “Kackitalismus”. Auch eine Möglichkeit, den Kapitalismus zu beschreiben … Nikola Richter

Wechselgeld

November 16th, 2008

Nincs kisebb? Haben Sie´s nicht kleiner?, fragt mich die Kassiererin in ihrem abgetragenen Kittel, an dem ihr Namensschild glänzt, mit einem bösen und vorwurfsvollen Blick. Wieder dasselbe Spiel. Als ob ich etwas dafür kann, dass mir der Bankautomat die vierzigtausend Forint in Zehntausendern ausgespuckt hat. Umgerechnet vierzig Euro pro Lappen. Dabei war ich gerade noch froh, dass er am Montagmorgen überhaupt Kohle rausgerückt hat, denn auch das ist keine Selbstverständlichkeit. Ein besonderer und seltener Glücksfall ist hingegen, wenn er soweit geleert ist, dass er keine großen Scheine herausgibt und mir den Wunsch erfüllt, vierzigtausend Forint in Zweitausendern auszuspucken. Das macht zwar die Brieftasche dick, hat aber den Vorteil, dass ich mir keine Gedanken darüber machen muss, wie ich die Zehntausender, oder, Gott bewahre, die Zwanzigtausender klein bekomme.

Nincs. Nein, antworte ich mit einem bedauerenden und freundlichen Lächeln. Entweder rückt sie das nun widerwillig zusammengekratzte Wechselgeld raus – nicht ohne demonstrativ mit dem Münzfach, unter dem sich noch ein fröhlicher Fünftausender verbirgt, zu scheppern – oder es beginnt die große Suche nach den kleinen Scheinen. Sie fragt vielleicht noch, falls vorhanden, die andere Kassiererin oder die hinter mir ungeduldig in der Schlange stehenden Kunden. Wenn auch das nicht hilft, sperrt sie die Kasse ab und macht sich auf den Weg, nicht ohne von Kommentaren der Wartenden begleitet zu werden. Ungarn kommentieren immer. Aus Leidenschaft. Beim Kommentieren kommen ihr resignativer Sarkasmus und melancholischer Humor erst richtig zur Geltung. Der Morgen ist gerettet. In dieser kurzen Zwangspause werden plötzlich Geschichten erzählt oder man diskutiert lautstark über Politik, das gestrige Fernsehprogramm und die neuesten Nachrichten.

Meistens reicht der Gang ins Geschäft nebenan. Man kennt sich und hilft sich immer wieder aus. Nur selten dauert es länger. Und nur ein einziges Mal habe ich es erlebt, dass ich ohne Waren und mit meinem großen Schein davonziehen musste. Ich bin mir also meiner Sache sicher geworden, doch es hat Jahre gebraucht, bis ich eine Souveränität beim Zahlen mit den großen Scheinen erworben habe. Dass es in der Regel irgendwie doch immer geht, scheint dafür zu sprechen, dass die Ungarn – wie so oft – nicht die einfachere Lösung wählen werden: nämlich die Kasse mit ausreichend Wechselgeld zu füllen. Doch da auch dieses Land sich den internationalen Gepflogenheiten anpasst, werde ich wohl bald an der Kasse keine Geschichten mehr hören. Albert Koncsek

Bailamos Cumbia de Obama!

November 5th, 2008