Den Baum umdrehen

Dezember 23rd, 2008

Die Tradition, einen Weihnachtsbaum aufzustellen, entstammt eigentlich mittelalterlichen Zunftbräuchen. Sie errichteten einen Baum und behängten ihn mit Süßigkeiten und den technischen Errungenschaften der Zeit. Am Dreikönigstag durften die Kinder ihn dann plündern. Oft nahm man auch nur die Spitze eines Tannenbaumes – und hängte sie kopfüber. Das erinnert an einen alten Trick, um auf das eigene Leben zu schauen, nämlich: sich auf einen Stuhl stellen und die Umgebung von oben betrachten. Eine neue Perspektive wirkt oft Wunder. Selbst nur für eine Minute, selbst nur in den eigenen vier Wänden. Was aber tun, wenn man keine vier Wände hat, wenn man dazu verdammt ist, einmal im Jahr in immer neuen Variationen wiederzukehren und in der frischen Luft sein Unwesen zu treiben: auf den Balkon kletternd, auf dem Balkon sitzend, auf dem Dach sitzend, über das Dach auf einem Rentier reitend? Da könnte es helfen, anders zu sprechen. Australische Weihnachtsmänner einer bestimmten Kaufhauskette dürfen jetzt nicht mehr Ho ho ho rufen, weil Ho auf Englisch auch “Prostituierte” bedeutet. Nun rufen sie Ha ha ha. Nächstes Jahr dann vielleicht Hi hi hi, oder O O O, die Möglichkeiten sind unendlich, jajaja. Nikola Richter

Menschen auf der Flucht

Dezember 22nd, 2008

Vor 2000 Jahren flohen Maria und Josef mit ihrem Sohn Jesus vor Herodes nach Ägypten. Die Geschichte ist so alt wie aktuell. Heute sind viele Familien auf der Flucht, wegen Krieg, Hunger, Militärdiktatur, Intoleranz und Armut. Nach der Weltflüchtlingsstatistik 2007, die das UNHCR dieses Jahr veröffentlicht hat, gibt es weltweit 16 Millionen Flüchtlinge und 26 Millionen Binnenvertriebene.

Erstmals seit 2001 hat ihre Zahl wieder zugenommen. Grund dafür: der Irak-Krieg und seine Folgen. Im Irak herrscht immer noch ein Ausnahmezustand: Straßensperren, festungsartig eingemauerte Häuser, verdunkelte Fenster, von Milizen kontrollierte Viertel. Die jungen Eliten lernen zwar Fremdsprachen, aber nur, um das Land möglichst schnell zu verlassen und von bereits geflohenen Familienmitgliedern aufgenommen zu werden, schreibt der Regisseur Paul Flieder in der ZEIT. Das Land liegt am Boden – und die Frage ist, wie es wieder aufstehen kann. Denn Iraker bekämpfen Iraker. So erleiden etwa die chaldäischen Christen, die arabischen Christen, die als älteste Nachfahren der Ur-Christen gelten, seit 2003 Gewalt und Terror; sie stellen mehr als 40 Prozent der irakischen Flüchtlinge in Syrien und Jordanien. Auch wenn das Jahr eines der taumelnden Börsen war, sollten die Menschen, die weitaus größere Probleme als fallende Aktienkurse haben, nicht vergessen werden. Die Kapitalmasse bewegt sich unsichtbar über den Globus, die Menschen dagegen sind sichtbar. Daher kommt hier ein chaldäisches Weihnachtslied für alle Menschen, die nicht in ihrer Heimat sein können. Bis zum nächsten Jahr mit hoffentlich mehr Frieden in den Welten dieser Welt auf THE INTERNATIONAL! Die admins

“Allein unter Liegenden”

Dezember 17th, 2008

Weil ich nicht sicher bin, frage ich. Nein, wo die beerdigt sind, weiß die Dame in der Stuttgarter Touristeninformation nicht, aber ja, einen Waldfriedhof, den gäbe es in Stuttgart. Ganz einfach zu erreichen mit der U14 bis Südheimer Platz und dann umsteigen in die Seilbahn hoch zum Friedhof. Aber erinnere ich mich richtig? In der nächstgelegenen Buchhandlung werfe ich einen klärenden Blick in Stefan Austs Baader-Meinhof-Komplex. In der Tat: „Am 27. Oktober 1977 wurden Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Stuttgarter Waldfriedhof beigesetzt. Bürger protestierten dagegen, daß die drei Terroristen auf einem Friedhof die letzte Ruhe finden sollten. Manche verlangten, die Leichen sollten in die städtische Müllkippe geworfen werden.“

Ein Vierteljahrhundert nach dem Selbstmord der Stammheimer ist die Erinnerung an die revolutionären Pläne der RAF als konkrete politische Utopie einer besseren, gerechteren Einrichtung der Welt verblasst. Stattdessen hat das „RAF-Phantom“ (Klaus Theweleit) in der Populärkultur eine widergängerische Präsenz gewonnen. Der englische Pop-Musiker Luke Haines hat 1996 ein – im übrigen gar nicht so schlechtes – Konzeptalbum mit dem Titel Baader-Meinhof veröffentlicht. Trendige Accessoires wie Sofakissen mit der Aufschrift „Terrorist“ und billige T-Shirts mit dem Kalaschnikow-Symbol der RAF sorgen für radical chic bei modischen Großstadtbewohnern. Elfriede Jelinek hatte Recht, als sie 1990 in Wolken. Heim. schrieb: „Auf der Erde kommen wir nicht zur Ruh, noch als Begrabene bleiben wir gegenwärtig, und wir kommen wieder, wir kommen wieder! Der Boden ist unser Übergang, hinüber ans Ende der Zeiten.“

Eine Viertelstunde benötigt die U-Bahn vom Hauptbahnhof bis zum Südheimer Platz. Die Seilbahn erweist sich als eine Überraschung: Gebaut gegen Ende der zwanziger Jahre, ist sie Teil des städtischen Verkehrsverbunds. Ohne eine zusätzliche Fahrkarte zu lösen, kann man sich in die hellbraun lackierte Holzkabine setzen. Ich bin der einzige Passagier, als der Fahrer eine Hupe als Abfahrtsignal betätigt und das merkwürdige Gefährt sich in Bewegung setzt. Ruckelnd, knarzend, irgendwie unwirklich steigen wir stetig den steilen Hügel hinauf, der mit schwarzer Krawatte bekleidete Chauffeur setzt als ein moderner Charon über, fort von der umtriebigen Stadt in der Talsenke, hinauf ins Reich der Toten auf dem bewaldeten Hügel. Der schon seit dem Morgen unaufhörlich fallende Regen trägt ein übriges bei, die Stimmung zu verdüstern. Nach knapp vierminütiger Fahrt sind wir am Ende der über 500 Meter langen Strecke angelangt. Der Waldfriedhof liegt nur einen Steinwurf entfernt. Am Eingang steht der obligatorische Schaukasten mit offiziellen Informationen und Hinweisen auf die Gräber Prominenter. Bundespräsident Theodor Heuss und der Industrielle Robert Bosch etwa sind hier begraben; auf die Terroristen natürlich kein Hinweis.

Eine Überraschung, als ich in der Friedhofsverwaltung nachfrage: Nicht hier, sondern im benachbarten Dornhaldenfriedhof befinde sich das Grab. Die für Auskünfte eigentlich nicht zuständige Frau beschreibt mir detailliert den Weg. Als ich am Vortag in Stammheim Gefängnis und Gerichtsgebäude fotografierte, war das Misstrauen und die Ablehnung des dort arbeitenden Security-Personals nicht zu übersehen. Fotografieren sei verboten, erklärte man mir barsch, obwohl es nirgends entsprechende Hinweisschilder gab. Doch hier bei den Gräbern ist man freundlich, begegnet mir mit vorsichtiger Neugier. „Mit dem Tod muss jede Feindschaft aufhören“, hatte Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel 1977 zur Beerdigung der Terroristen erklärt. Der Tod macht eben alle gleich, Täter wie Opfer, Verfolger wie Verfolgte. Beide waren sich ja sowieso ähnlicher, als sie eingestehen wollten.

Durch den Niesel gehe ich einen trostlosen, verlassenen Parkplatz entlang. Dann ist eine vielbefahrene Straße zu überqueren, ein kleiner asphaltierter Waldweg führt hinauf zum Dornhaldenfriedhof. Es ist eine kleine Anlage, ein hufeisenförmiges Gelände, von vereinzelten Gräbergruppen strukturiert. Noch viel Platz für den Tod, denke ich mir. Da kein Friedhofspersonal zu sehen ist, mache ich mich auf die Suche. In irgendeiner Ecke vermutlich, abseits von den letzten Ruhestätten anständiger Bürger muss das Grab der Unruhestifter liegen. Wer will schon neben Terroristen beerdigt liegen? Nach ziel- und erfolgloser Suche, frage ich schließlich den zwischenzeitlich aufgetauchten Aufseher. Ein sympathischer Endvierziger mit Glatze und in einem grünen Overall. „Gruppe 99, letzte Reihe“ – auch er gibt mir freundlich Auskunft.

Schnell ist das Gemeinschaftsgrab gefunden, vorhin bin ich nur wenige Meter daran vorbei gelaufen. Der Regen hat jetzt aufgehört. Ich fotografiere die Begräbnisstätte. Sie liegt unauffällig inmitten durchschnittlicher Grabfelder, unterscheidet sich von ihnen freilich durch die Absenz von Kreuzen, Engeln oder tröstlichen Bibelsprüchen. Nur die Namen der drei Toten – Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe – sind auf dem einfachen Grabstein eingemeißelt, und eine Zeile mit Ort und Zeitpunkt ihres Todes: „Stuttgart-Stammheim, 18. Oktober 1977“. Ein rotes Grablicht steht verlassen neben dem Grabstein, das Paraffin ist längst ausgebrannt, der rote Plastikbecher hat sich mit Regenwasser gefüllt. Rot muss einmal auch die Gravur des Grabsteins gewesen sein. Erst nach genauem Hinsehen erkenne ich schwache Farbspuren.

Als ich nach ein paar Minuten zurück zum Aufseher gehe, ist er verschwunden. Meine Fragen bleiben unbeantwortet: Ob das Grab noch häufig besucht wird? Wer kommt für die Instandhaltung auf? Ob es Schändungen gegeben hat? Oder ob dort noch immer Sympathisanten hinpilgern? Ich gehe langsam zurück zu Seilbahn. Zwischenzeitlich hat es wieder zu regnen begonnen. Gleichzeitig beginnt die Sonne, sich vorsichtig durch die graue Wolkendecke zu kämpfen. Ich setze den Kopfhörer meines Walkman auf und höre Cat Powers melancholisches The Covers Record. Darauf gibt es eine alte David Bowie-Nummer. Begleitet nur von einem Klavier haucht Chan Marshall geradezu flehentlich die Zeilen: „Let me fly away with you/ We are creatures of the wind/ Wild is the wind“. Musik, die bis heute in mir nachhallt. Der ungenannte Literat

The beauty of changing one’s mind

Dezember 10th, 2008

Jonas Mekas, one of the most important experimental film-makers of the 20th century, a Lithuanian who emigrated to the United States in the 1950ies, likes youtube. Because it works in the same way in which he has worked all his life. Conserving “glimpses of beauty”. Of course, this is a very optimistic view about youtube. But thanks to youtube, we can see some parts of Mekas’ 365 days diary film project, for which he filmed something each day, showing the waves at the Mediterranean in Southern France, but also quoting the Kabbalah: evil is non-movement. This wisdom is like a fire-starter for change, for trying new things, for not being afraid of making mistakes. Because mistakes are movement and movement is better than stand-still. Jonas Mekas likes to see the simplicity, honesty and depth of life that surrounds and enters his own life, he is an every-day-priest. Let’s change our minds – if Obama doesn’t, at least we can! Nikola Richter

Antiques are out, but still wow

Dezember 3rd, 2008

The mood among antiques traders on London’s Portobello Road market is low. People simply don’t buy antique furniture any more. And there’s a number of reasons why. “It’s the currency, it’s the internet, it’s the economic climate, it’s the dollar,” says Judy Fox, who owns an antiques shop on Portobello Road. Most of all, people’s taste has changed. “People now go for the minimalist styles,” she complains. They buy the cheaper, plain modern flat-pack furniture. “Especially young people don’t want antique furniture any more,” Fox says. “Adverse auction sale publicity,” of what has been dubbed “dismal brown furniture,” doesn’t help the falling prices, according to the Antique Dealer & Collectors Guide website

Even people with old family heirlooms don’t restore them any more. “They just try to sell them off,” says Michael Barham, who owns the shop next door to Fox’s. However, he thinks it’s a shame, as many of the old pieces are of good workmanship. “The quality of all these things is amazing,” he says as he points at a late 19th-century desk. “This desk costs around 200 pounds (397 dollars). If you had that newly made in the same quality, it would cost you 1,800 pounds (3570 dollars).”Barham’s shop specialises mainly in post-1900 to pre-Second World War items. So many pieces sell in the lower hundreds. Only Victorian furniture is still more expensive, he says.

Yet, even those who are still interested in antiques, no longer buy as much as they used to. Although thousands of tourists work their way through the arcades and around the little stalls of the world’s largest antiques market in London’s colourful Notting Hill area, only few of them are here to spend large amounts of money. They come in and look around, and then they leave again, Fox says. Instead, collectors now buy a lot from specialist internet sites, who offer everything from delivery to restoration services online, and they have a broad range. Internet auction sites, such as eBay, have also contributed to the decline of antiques shops, Barham thinks, although the prices some items of furniture fetch online seem out of proportion with their real value. “People pay spectacular prices for things that aren’t worth it,” he says. “Many people who buy on eBay really don’t know what they’re doing,” he adds.

But one of the worst problems for shop owners, such as Fox and Barham, is the strength of the pound against the dollar, as many of their traditional customers have been wealthy US citizens looking to take home something special from their European travels. “The US market is still relatively conservative,” Barham says. Customers from the US like things that are old. But they can’t afford them any more. “There’s a complete lack of them [US customers] now,” Fox says, while a young US couple with a child is looking at an oak letter box from the 1870s worth some 3,000 pounds. But they leave without making a purchase. “The dollar is too weak,” Fox says, and the economic situation in the United States spills over into Britain. “I would [buy something] if the dollar-rate was any different. But it’s just too expensive for me here,” says Mary Ruschmeier, a teacher from Florida, who currently lives in Germany, as she leaves the shop empty-handed. “So far I’ve only bought a little medal for a student of mine for 2 pounds, that’s about 4 dollars. That’s all,” Ruschmeier says.

Nevertheless, Americans still like tradition. “We like old things in the States,” says Joe from Pennsylvania, who now lives in the British Cotswolds and prefers not to give his surname. “If you have something from the 17th century, that’s really special. And if we have something that our mother has passed down to us, then we’re really proud,” he says. Ruschmeier agrees. “Yes, if we bring something back from the 17th century, that’s great. It’s ‘wow’, because we don’t have those things,” she says. But for today, they might have bought enough, Joe says, adding, “We’re just here to get off Leicester Square, where all the other American tourists are.” Gaby Mahlberg

Die Lage der EU im Jahr 2025

Dezember 1st, 2008

Am 1. Januar 2025 hat turnusgemäß der russische Präsident Michail Chodorkowski für ein Jahr die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Er löst damit seinen estnischen Kollegen ab. Die Zeremonie fand in der EU-Hauptstadt Vilnius in Anwesenheit aller Regierungschefs der 41 EU-Mitgliedsländer statt. Als wichtigste Herausforderungen seiner Amtszeit bezeichnete Chodorkowski die Vermittlung eines Schuldenerlasses für die USA, die seit nunmehr 17 Jahren eine schwere Wirtschaftskrise durchlaufen. Durch Sparmaßnahmen war es den Vereinigten Staaten zwar gelungen, ihre Staatsschulden von 10 Billarden Dollar auf 9,5 Billiarden Dollar zu drücken. Doch China verweigerte bislang, eine nachhaltigen Schuldenerlass. Außerdem will sich Chodorkowski bemühen, Belarus und die Schweiz als letzte Länder in Europa für eine EU-Mitgliedschaft zu begeistern.

Russland übernimmt erstmals den Vorsitz der EU. Das Land war erst 2020 gemeinsam mit Georgien, Aserbaidschan, der Ukraine und der Türkei der Union beigetreten. Der Annäherungsprozess zwischen der EU und Russland hatte 2008 infolge der schweren Weltwirtschaftskrise begonnen. Auf der Suche nach gemeinsamen Lösungen stellte Russland vergünstigte Öl- und Gaslieferungen in Aussicht. Im Gegenzug lieferte die EU Maschinen und Anlagen zur Modernisierung der russischen Wirtschaft. 2010 wurde eine Freihandelszone zwischen der EU und Russland eingerichtet. 2012 trat Russland dem Schengenraum bei, das Visaregime wurde abgeschafft.

2014 führte die EU unter dem Vorsitz der polnischen Außenministerin eine radikale Strukturreform durch, um wieder erweiterungsfähig zu werden. Die Aufgaben der EU-Bürokratie wurden radikal beschnitten und auf eine gemeinsame Wirtschaftspolitik und eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik konzentriert. Fragen, wie die Gestaltung von EU-Nummernschildern, dem Krümmungsgrad von Senfgurken und von Sicherheitsauflagen für Friseursalons wanderten zurück in die Zuständigkeit der Länder.

Unter dem Vorsitz des EU-Erweiterungskommissars begannen schließlich 2015 die Beitrittsverhandlungen mit Russland. Die feierliche Aufnahme des Landes erfolgte auf dem großen EU-Erweiterungsgipfel in Istanbul im Januar 2019. Russlands Präsident Putin hatte während seiner vierten Amtszeit erkannt, dass an einer Integration seines Landes aufgrund der gewaltigen demographischen Probleme Russlands und der industriellen Rückständigkeit kein Weg mehr vorbeiführte. Erleichtert wurde der Prozess der Annäherung durch die Auflösung der NATO, die sich 2016 vollständig unter das Mandat der UNO gestellt hatte. Andreas Metz