Wie sich die Mauer an den Trabi erinnert... Foto: flickr/aguyiusedtoknow
„History is lived forwards and understood backwards“, sagt der britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash. So erinnern in diesem Jahr zahlreiche Veranstaltungen in Deutschland an den Mauerfall vor 20 Jahren. Es sollen aber auch nicht die Ereignisse vergessen werden, die 1989 woanders in Europa und der Welt stattfanden und einen großen Einfluss auf unsere heutige Weltordnung haben. Es ist das Verdienst der Thementage „Globale Geschichten“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt – selbst 1989 aus der Taufe gehoben – dass es diesen Blick über den Tellerrand gewagt hat. Denn: 1989 war nicht nur eine deutsche und europäische Zäsur. Einschneidende Ereignisse passierten auch in Asien, Südamerika und Afrika: Die Sowjetunion beendete ihren Einmarsch in Afghanistan, auf dem Platz des Himmlischen Friedens wurde die chinesische Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen, im Iran starb – zehn Jahre nach der Revolution – der schiitische Gründer der Islamischen Republik Ajatollah Chomeini und in Lateinamerika fielen die Militärdiktaturen. Continue reading
Immer mehr Leute lesen online, so auch der sein Gesicht nicht zeigende Peter Licht beim Bachmann-Preis 2007. Da mich in der letzten Zeit viele nette, gut informierte Menschen auf Webportale aufmerksam machten, in denen die junge Literatur auf crossmedia macht und wo uns beim Online-Lesen nicht das Hören und Sehen vergeht, kommt hier ein erster Überblick: Continue reading
Kaltes Schweigen: Max Breuer und André Hennicke in Polar Foto: Promo
Ich hatte noch nie eine Akkreditierung für die Berlinale, aber meist komme ich auf interessantem Wege an Tickets. Viele Akkreditierte schaffen nämlich ihr geplantes Pensum nicht und werfen die Karten spendabel in ihren Freundeskreis. Das finde ich sehr lustig, denn das hat was von Konfetti und Festivalstimmung. Als Nichtakkreditierte muss man nehmen, was kommt. So landete ich in drei Halbstündern der “Perspektive Deutsches Kino”. Ein Rundumschlag über die deutsche Filmhochschullandschaft: Trickfilmeffekte aus Baden-Württemberg (Höllenritt), Sozialdoku aus Babelsberg (Gitti) und Ästhetik aus Köln (Polar).
Alle Filme entdeckten junge, neue Darsteller, von Aaron Altaras, der mit seiner Jungsclique “Papas sind Arschlöcher” Ex-Männern die Hölle heiß macht, über Max Brauer, der seinem Vater mit einer Eiseskälte begegnet, die schließlich in einer Prügelszene aufbricht, oder eben Gitti, die sich selbst spielt wie sie über Kontaktanzeigen einen Mann für ihre Tage als Rentnerin sucht. Auf jeden Fall muss er größer sein als sie, ab 1.70 ist gut, er darf nicht rauchen, weder Zwilling noch Schlaftablette sein. Schließlich tanzt sie noch mit ihren 70 Jahren zu Wolfgang Petry. Gittis Lebensenergie bleibt hängen – und auch die fein dokumentierte Einsamkeit der alten Dame. Die Kuh, die in Michael Kochs Alpen-Alptraum “Polar” per Helikopter an einem Seil vorbeischwebt, bleibt eher nicht hängen. Die Handlung durch ein absurdes Element aufzubrechen, ist ja erstmal keine doofe Idee. Aber sie müsste halt auch Sinn haben. Das gut Gemachte muss auch gut gedacht sein. (Gut gemacht ist dagegen die Musik der Schweizer Band Huck Finn, die ein wenig Gefühlskraft in den sonst eher kalten Film hineinträgt. )
Also dachte ich selber nach und kaufte mir ein Ticket für die Reihe “Winter adé”, in der osteuropäische und DDR-Filme gezeigt werden, die die Wende-Botschaft bereits in sich tragen. Bei Vera Chytilová schwebte dann auch etwas durch die Luft, nämlich ein Plattenbauelement. Es steht in ihrem Film “Panelstory” (1979), einer verrückten, chaotischen Jumpcut-Sinfonie einer Plattenbau-Baustelle in Prag, für das Unfertige der sozialistischen Idee, aber auch für den Einzelnen, der sich in dieser Idee über vermatsche Pfade, auf in der Luft hängenden Treppen und zwischen Kindergeschrei seinen Lebensweg bahnt. Die tschechische Regisseurin drehte den Film in drei Jahren, nachdem sie sechs Jahre Berufsverbot überstanden hatte. Die Energie, die Schnelligkeit der Schnitte und der Kameraführung, die Vielseitigkeit, die atonale Musik: Hier kündigt sich der Aufbruch an, der brennende Himmel, die kleinen Ausbrüche im Alltag, die später zu einer großen, friedlichen Revolution werden würden. Das war dann wirklich gut gedacht und gut gemacht. Und das war wirklich neues Kino. Nikola Richter
Das ist der Trailer, für den Film, den Tom Tykwer für uns gedreht hat!
Ja, es ist wahr: Der Eröffnungsfilm der Berlinale heißt exakt so wie unser Blog. Als ob wir es gewusst hätten! The International, ein Hollywood-Thriller über den Finanzmarkt mit deutschem Regisseur (Tom Tykwer) und US-Aufgebot Clive Owen und Naomi Watts, aber auch deutschen Schauspielern wie Armin Mueller-Stahl und Axel Milberg, kommt natürlich genau zur richtigen Zeit, während alle eigentlich schon alles über die Finanzkrise wissen – und trotzdem in Schockstarre verhaaren. So eine Art filmische Ruhe vor dem Sturm, die dieser Film jetzt auflöst: … und Action! Vielleicht war deshalb die Atmosphäre des Abends, wie Kulturzeit-Moderatorin Tina Mendelsohn bemerkte, irgendwo zwischen “Wuppertal und L.A.”, weder glamourös, noch provinziell, sondern abwartend. Milberg streckte seine lila Socken in die Kamera und begrüßte sich klatschend selbst, der deutsche Kulturminister Bernd Neumann rief die amerikanische Filmindustrie dazu auf, ihr Geld in Berlin und Deutschland zu lassen. Das sollte wohl selbstironisch sein, wirkte aber nur platt und billig. Jetzt will wahrscheinlich keiner mehr kommen, Danke, Bernd. Berlinale-Chef Dieter Kosslick wies darauf hin, dass letztes Jahr noch George Clooney dabei gewesen war – dieses Jahr hätte man den roten Teppich daher etwas kürzer ausfallen lassen können. Und auch die Übersetzer hätten sie sich dieses Jahr sparen müssen/können, so dass er und die schlaue Moderatorin Katrin Bauerfeind flott zwischen Deutsch und Englisch hin- und herpendelten. Das wirkte locker und polyglott und hätte kein schlechter internationaler Start in das dieses Jahr sehr politische Festival sein können (Filme über philippinische Kindermädchen, das Londoner U-Bahn-Attentat, illegale Einwanderer in Griechenland). Doch leider haben wir, das wahre The-International-Team, keine Karten mehr bekommen. So dass die Berlinale-Eröffnung nun ein kleines bisschen uninternationaler ausgefallen ist. Tom, du kannst es natürlich wieder gut machen, indem du unseren Blog verlinkst! Nikola Richter