Görliwood

März 26th, 2009

Ich muss mich mal kurz über Kreuzberg aufregen. Obwohl es mir schwer fällt. Denn eigentlich liebe ich Kreuzberg. Aber seit einiger Zeit blockieren fast jede Woche Filmteams und Modeshootings meinen Kiez entlang der Görlitzer Straße. Parkplätze sind rar – und wenn man dann mal schief parkt, bekommt man sofort einen Strafzettel. Das finde ich ungerecht: Ich bin schließlich Anwohnerin – und nicht die Catering-Leute und Regieassistenten.

Graffiti in Kreuzberg im Wrangelkiez Foto: flickr/nomsaleena

Graffiti in Kreuzberg Foto: flickr/nomsaleena

Fast habe ich das Gefühl, dass die Filmteams mir hinterherziehen. Denn als ich noch am Urbanhafen wohnte, wurden dort bevorzugt Krimis von RTL und SAT1 am Kanal gedreht. Nachts natürlich. Meist leuchteten die Power-Lampen bis in mein Zimmer hoch, es war taghell – und an unserer Haustür klebte der Zettel, dass man sich für die Unannehmlichkeiten entschuldige.

Nun lebe UND arbeite ich in Kreuzberg. Vielleicht bin ich selbst schuld, dass ich dem ganz Kreuzberg erfassenden Location-Scouting nicht ausweichen kann. Continue reading

Was hat Freiheit mit Europa zu tun?

März 23rd, 2009

freiheit-klausbrockmeier

Schon wieder ein Mauerbild, das passt so gut bei 1989-Themen. Foto: flickr/klaus.brockmeier

Wer in einer pluralistischen Gesellschaft aufwächst, zum eigenen Denken erzogen wird, und mit Zahnbürste, Reisepass und Kreditkarte ins Flugzeug steigen und überallhin fliegen kann, hat einen gewissen Grad an Freiheit erreicht. Dass die Wende von 1989 eine historische Zäsur war, die das Ende vieler Diktaturen gebracht, und das Zusammenwachsen Europas möglich gemacht und Freiheit gebracht hat, steht außer Frage. Dennoch wird gerade zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls oft vergessen, dass Generationen von Menschen in Osteuropa einer großen ökonomischen Belastung ausgesetzt waren, die sie auch in ihrer Freiheit eingeschränkt hat.

So erlangten die Menschen aus diesen Ländern zwar Reisefreiheit, doch konnten die meisten sich eine Reise zum Beispiel ins gelobte (westliche) Ausland schlichtweg nicht leisten. Die Vielfalt an Waren stieg an, konnte jedoch durch die Aufnahme von Schulden finanziert werden. Die Freiheit der Region ist bis heute stark mit den wirtschaftlichen Voraussetzungen und Umständen in diesen Ländern verbunden. Für Osteuropäer hat die Wende von 1989 im Umkehrschluss zunächst also nur vordergründig Freiheit gebracht.

In Mittel- und Osteuropa hatte ich oft den Eindruck, dass sich die Menschen auch in politischer Hinsicht oft nicht frei fühlen. Sicher, die politische und wirtschaftliche Transformation gilt spätestens seit der EU-Osterweiterung als abgeschlossen, nach 14 Jahren des Klopfens, wie der ungarische Autor György Dalos sagt. Continue reading

Mein Freund und der Papst

März 18th, 2009
Das Kreuz, das über uns schwebt. Foto: flickr/Andre Fischer

Das Kreuz, das über uns schwebt. Hier eines in S. Apollinaire in Classe. Foto: flickr/Andre Fischer

Manchmal frage ich mich, ob mein Freund mich liebt oder den Papst. Oder meine Schwester. Denn der Papst hat ihr einmal die Hand geschüttelt, im Vatikan, bei einer Jugendmesse, bei der meine Schwester in einem mittelmäßigen Jugendorchester Geige spielte, am Rand saß, ja, es ist manchmal gut, am Rand zu sitzen, man sitzt dann sehr nah an einer Seite, und sie hatte das Glück, dass der Papst die am äußeren Rand Sitzenden per Handschlag begrüßte. Oder verabschiedete. Denn wiedergesehen haben sie sich ja nicht mehr in diesem Leben.

Schade eigentlich. Vielleicht hätte sich meine Schwester dann in den Papst verliebt. Denn allein die Papsthand hat schon großen Eindruck auf sie gemacht. Sie war sehr weich, so weich, sagte meine Schwester damals, dass sie diese Weichheit ihr ganzes Leben lang nicht vergessen würde. Als ich meinem Freund davon erzählte, wollte er unbedingt meine Schwester kennen lernen. Ok, sagte ich, auf der Taufe unserer Kinder. Da war er erstmal ruhig und fand auch meine Hand schön weich.

Mein Freund ist nämlich so katholisch, dass er keine Kondome benutzt. Continue reading

Leben durch den Strang

März 13th, 2009
Foto: flickr/ooCHRISSIoo

Foto: flickr/ooCHRISSIoo

Schon mal über ein Kabel gestolpert? Bestimmt! Ist ja auch nicht schwer. In einem durchschnittlichen europäischen Wohn- oder Arbeitszimmer verlaufen Kabel für den Fernseher, das Video/DVD-Abspielgerät, Monitor, CD-Player, Verstärker, Radiogerät, das DSL-Modem, den Router, Computer, Drucker. Kabel verbinden die Stereoanlage mit den Lautsprechern, irgendwo liegt noch der Kopfhörer herum, und heutzutage laufen Songs auf dem Rechner auch mal über die Boxen. Dazu kommen noch Kabel für Lampen, und meistens hängt das Handy auch gerade am Netz.

Mit der Technologisierung unseres Wohnraums ist das Kabel – der Verbund mehrerer Litzenleitungen, isolierter Drähte, Adern oder Fasern – zu einem wesentlichen Bestandteil unserer privaten Umgebung geworden – und kann gewaltig nerven. Seitdem gibt’s öfter mal Kabelsalat, muss man beim Einrichten eines Zimmers viel Zeit darauf verwenden, das Kabelaufkommen zu ordnen, ja zu managen. Das hat schon die Ausrichtung so mancher Zimmer massiv beeinflusst. So störend es auch ist, das Kabel ist zu einem mächtigen Faktor des Wohnens in der westlichen Welt geworden. Continue reading