Juni 29th, 2009

Wenig martialisch klingt auch „Rulŝtuparo“ – das ist Esperanto für Rolltreppe. Im Bild eine Kurvenrolltreppe in Yokohama
Nun habe ich schon wieder ein Jubiläum verpasst. Und zwar gleich um 17, 12 oder 9 Jahre – wie man’s nimmt: Da ist nämlich die Rolltreppe hundert Jahre alt geworden. Wer hätte das gedacht? Manchen Dingen schenkt man eben wenig Aufmerksamkeit – es sei denn, sie sind kaputt. Wie zum Beispiel die Rolltreppe am S-Bahnhof Jungfernheide, wo ich jedes halbe Jahr mal vorbeikomme. Inzwischen weiß ich Bescheid, versuch’s gar nicht erst und nehme die Stufen der weißen Steintreppe per Fuß.
In Madrid kann sowas sehr anstrengend werden. In Madrid verbringt man im U-Bahn-System viel Zeit auf Rolltreppen. Einmal war ich unterirdisch gut fünf Minuten unterwegs, nur um umzusteigen, und meine tägliche Auffahrt aus den Tiefen der Station “Guzmán el Bueno” ging über vier Rolltreppen von einer Länge, wie man sie nur im Ausland erlebt: in Prag, Budapest oder London oder vielleicht New York.
In New York gibt es übrigens noch Rolltreppen aus Holz. Während man im Macy’s von der dritten in die vierte Etage mit den Herrenanzügen fährt (Herrenanzüge auf der Fläche eines Fußballfeldes), ist man gebührend beeindruckt und grübelt doch kurz der unbehaglichen Frage nach: Gab’s da nicht dieses Unglück in der Londoner U-Bahn, wo eine der Rolltreppen aus Holz Feuer fing, was dazu führte, dass heute alle aus Metall sind?
Ja, die Rolltreppe hat dem Menschen nicht nur Glück gebracht – insofern ist sie ein typisches Symbol des Fortschritts. Und wo wohl wurde sie erfunden? Natürlich: in den USA. Besonders gefällt mir ihre etymologische Geschichte. Die geht so: Um seine patentrechtliche Position zu stärken, bastelte sich der Erfinder Charles Seeberger aus einem lateinischen Wörterbuch gleich einen neuen Namen für seine Konstruktion zurecht: Escalator. Das davon abgeleitete Hauptwort “Eskalation” konnte im 20. Jahrhundert nur Karriere machen. Heute kennt man praktisch ausschließlich die übertragene Bedeutung, im Kontext von Krieg, Konflikt und Terror. Continue reading
Juni 27th, 2009

Sonnenuntergang in Tirana hinter der Et’hem Bey Moschee Foto: ab
Ein ausrangierter griechischer Bus bringt uns über die staubige, kaputte Straße vom Flughafen in die Stadt. Es ist Rush-Hour in Tirana. Die alten Autos der Marke Benz aus den 70er Jahren drängeln sich im Schneckentempo auf dem Skanderbeg Platz, Hauptplatz und Verkehrsschlagader der Stadt. Die Abendluft ist kaum zum Atmen. Aller Anfang ist schwer, denke ich, als wir wie Frogger im C-64 Spiel die Straßen überqueren. Irgendwie wie in Harare, sagt mein Kollege Tom und meint die Hauptstadt Zimbabwes. Die Abendsonne taucht das Nationalmuseum, den Uhrturm und die Et’hem Bey Moschee in ein sanftes Licht. Ein südliches Flair in diesem kleinen und überschaubaren Zentrum. Der Spaziergang in den Ausgehbezirk Blloku mit seinen westlichen Bars und Restaurants dauert kaum mehr als 10 Minuten. Blloku war während der kommunistischen Zeit ausschließlich den Funktionären vorenthalten. Heute lungern hier die reichen Albaner, die Business-Leute und eine handvoll Touristen herum.
Der Tourismus ist im Aufschwung in Albanien, und die boomende Metropole Tirana sein Zugpferd Immerhin 2,5 Millionen Gäste kamen 2008 in den Küstenstaat, der lange als Armenhaus Europas verschrien war. Vier Jahre zuvor waren es lediglich 300.000. Albanien hat eine mehrere hundert Kilometer lange Küste, im Landesinneren findet sich eine weitläufige Berglandschaft. Touristen kommen aber kaum aus dem Westen, vor allem sind es Kosovaren, Mazedonier oder im Ausland lebende Albaner. Eine fast fertig gestellte Autobahn zwischen der Grenze zum Kosovo und er albanischen Hafenstadt Durrës ist das größte Infrastrukturprojekt in der Geschichte des Landes. Kostenpunkt: Eine Milliarde Euro. Die Autobahn soll weitere Touristen locken. In Tirana hat ein österreichisches Unternehmen eine moderne Gondelbahn auf Tiranas Hausberg Dajti gebaut. Oben bekommen wir zwar eine gute Infrastruktur und Bier serviert, die Aussicht ist allerdings schlecht: Abendsmog. Continue reading
Juni 26th, 2009
Alle lieben Michael. Einen Tag nach Jacksons überraschenden Tod, sind sämtliche Skandale, Misserfolge und der Niedergang des „King of Pop“ erstmal vergessen. Nach einhelliger Meinung von Presse und Blogosphäre ist MJ ab jetzt und für alle Ewigkeit Legende. Und dazu gehört eben auch ein früher Tod, im Alter von 50 Jahren. Nie zuvor hat der Tod eines Künstlers so viel mediale Aufmerksamkeit erzeugt. Hier ein paar Auszüge:

Wieder verliert das Mikro einen Großen seiner Zunft! Foto: teliko82/flickr
Der Komponist, Musiker und Produzent Martin Staniszewski bezeichnet in der polnischen Tageszeitung Dziennik den Künstler als unsterblich: “Es besteht kein Zweifel, dass die Welt einen Menschen verloren hat, der neben den Beatles und [Elvis] Presley den größten Einfluss auf die gegenwärtige Unterhaltungsmusik ausgeübt hat. Auf Michael Jackson beziehen sich Künstler aus fast allen Musikgattungen. … Ich weiß nicht, ob ich mich nach Michael Jackson sehnen werde. Ich weiß aber genau, dass er wie Elvis nicht sterben wird.”
Die niederländische Boulevardzeitschrift De Telegraaf spricht vom Ende einer Ära. „Trotz aller Skandale ist Michael Jackson zum Symbol einer Generation geworden. Jackson hat die Popmusik erneuert. In seinem frühen Tod liegt Ironie des Schicksals: Gerade der Sänger, der so dem Jugendwahn anhing, stirbt jung.“
„Für seine Legionen von Fans war er der Peter Pan der Popmusik: der kleine Junge, der nicht erwachsen werden wollte“, sinniert die New York Times. „Aber am Rande eines weiteren Comeback-Versuchs ist er auf einmal verschwunden, diesmal für immer. … Mr. Jackson war seit dem ersten Hit der Jackson 5 „I want you back“ im Jahr 1969 ein Objekt der Faszination für die Medien. Sein Bild in der Öffentlichkeit schwebte zwischen einem musikalischen Naivling, der eigentlich nur seine Jugend zurückhaben wollte … und einem berechnenden Mogul, der seine Person sorgfältig um sein oft rätselhaftes öffentliches Verhalten herum konstruierte.“ Continue reading
Juni 20th, 2009
Hip-hip hurray, The International ist jetzt auch auf der Blog-Landkarte von The BOBs, dem Blog-Wettbewerb der Deutschen Welle zu finden. Was noch so in der Welt der Blogs los ist, weiß David Brewer, der beim Start von BBC News online maßgeblich war, aber auch die Webseiten von Al Jazeera, englische Version, mitplante, und Journalisten bei der Entwicklung eigener Medienprojekte, vor allem im Netz, unterstützt. Er sprach in Rotterdam vor 60 europäischen Bloggern über die Zukunft des Bloggens, besonders im Hinblick auf deren Macht in politischen Krisengebieten oder Ländern, die es mit der Pressefreiheit nicht so ernst nehmen. Seine Powerpoint-Slideshow, stellt viele dieser mutigen Menschen und Einzelkämpfer vor: T.P. Mishra aus Bhutan, der Bhutan-Vertreter im Third World Media Network ist, der Blogger Nalaka Gunawardene in Sri Lanka, Shahidul Alam in Bangladesh (mit 28.000 Abonnenten weltweit), der eine Fotoagentur aufgebaut hat, in der “Unberührbare” arbeiten. Aber er erwähnt auch heute einflussreiche Medien, die aus dem Engagement einzelner Journalisten entstanden sind: der Radiosender B92 in Serbien, El Periodico in Guatemala, die Nachrichtenagentur makfax online in Mazedonien oder die Webseite für alternative Nachrichten malaysiankini in Malaysia, tempointeractive in Indonesien.
Und wer verfolgen will, wie es Journalisten und Bloggern weltweit geht, der kann sich über die “World Association of Newspapers” (WAN), das “Committee on Protection of Journalism” (CPJ), “Amnesty International” oder “Reporters without Borders” informieren. Selbst in Europa ist die Pressefreiheit nicht überall selbstverständlich: Am 25. Mai unterzeichneten Chefredakteure und Journalisten 48 europäischer Medien aus 19 Staaten die “European Charter on Freedom of Press” in Hamburg. Sie soll dazu dienen, dass sich Journalisten europaweit auf diese Grundsätze berufen können, wenn sie in ihrer Arbeit eingeschränkt oder gar bedroht werden, und sie soll auch Teil der EU-Erweiterungsbedingungen werden. Nikola Richter
Juni 8th, 2009

Two men stroll past an EP election banner. ©European Parliament
Voting in the European elections in Berlin was a gloomy affair on Sunday afternoon with the drizzling rain probably keeping more people than usual inside. Wanting to be a good European I still forced myself to venture outside in my leather jacket and armed with an umbrella. I passed an elderly man who had just cast his vote and was mumbling something to himself or me, which I didn’t understand. The polling station was inside an inconspicuous school building – like everywhere – and manned by five bored-looking volunteers who checked my voting letter and ID before handing over a hug piece of recycled paper the length of about three A4 sheets.
Meanwhile I overheard one of the volunteers complaining to a colleague on his mobile phone that there had been a UK citizen, probably an Englishman, who found he was not on the electoral roll even though he was married to a German woman and had lived in Berlin for five years. I couldn’t help being a bit surprised that an Englishman would actually bother turning up for the European elections in Germany. But that’s what being European means, I guess. I felt sorry for him losing his vote due to a failure (attention: oxymoron!) of the German admin system. Continue reading
Juni 7th, 2009
Un week-end d’élections: Pendant que toute l’Europe vote pour le Parlement européen, les Libanais sont appelés aux urnes pour élire leurs députés au Parlement. Un jeune auteur libanais explique pourquoi il ne va pas donner sa voix dans un pays sans paix.
(Cet article est paru dans une version plus courte, sans notes explicatives, dans le supplément “Résistance Culturelle” du journal L’Orient-Le Jour, en juin 2009)
Je sais de quoi je parle quand je parle des révolutions. Les gens qui lisent les livres vont chez les gens qui ne peuvent pas lire les livres, les pauvres, et leur disent: “Il nous faut avoir du changement”. Alors, les pauvres gens font le changement, ah? Puis ensuite, les gens qui lisent les livres, ils se mettent autour des grandes tables qui brillent, et parlent et parlent et parlent et mangent et mangent et mangent, eh? Mais qu’est-il arrivé aux pauvres gens? Ils sont morts! C’est ça votre révolution. Chhh… Alors, s’il vous plaît ne me parlez pas de révolutions! Et qu’est-ce qui se passe ensuite? La même m… recommence depuis le début! Juan Miranda alias Rod Steiger in “Il était une fois la révolution” (1971)
La Comtesse : Ma chambre, à minuit ?
Boris : Vous y seriez aussi ?

Est-ce la vraie tranquillité? Un lac bavarois. Photo : Jad Semaan.
L’image de Woody Allen dans le rôle du soldat russe supposé combattre les Français ne me quitte pas. Il regarde les généraux puis il regarde les soldats et ne voit que des brebis qui vont s’affronter. Love and Death. C’était en 1975. Ni la mer ni mon amour pour Amari n’ont changé depuis, et comme la terre est ronde, nous nous reverrons. De puissants quatre-quatre sans plaque d’immatriculation m’éblouissent les yeux avec leur appel de phares. Les vitres sont noires. Elles cachent une grosse légume. Huit mars, quatorze mars, sayyane. Boris ne voit pas d’utilité à combattre les Français. Il aime les gâteaux Paris-Brest et le goût de la madeleine. Il est pitoyable à voir au front. Continue reading
Juni 4th, 2009
Seit Jahren herrscht zwischen den beiden großen regionalen Interessengruppen in Bolivien, den Collas und den Cambas, ein Konflikt, der nur ein scheinbar kultureller ist. In Wirklichkeit entstehen die Spannungen durch das soziale Ungleichgewicht zwischen den eher ärmeren, in den Anden lebenden Collas und den Cambas im ressourcenreichen tropischen Flachland. Aber es geht auch um politische Macht. Ein Reise-Lagebericht vom Westen des Landes, dem Regierungssitz La Paz, in den Osten.
La Paz, Mitte Mai
Die herbstliche Kälte macht sich auf dem Altiplano bereits bemerkbar; in der Sonne verbrennt man, wie immer, im Schatten fröstelt einen. Ich bahne mir meinen Weg durch das übliche Gewusel aus hupenden, Qualmwolken hinter sich herziehenden Minibussen.

In La Paz, dem bolivianischen Regierungssitz, ist das "Ja" zur neuen Verfassung allgegenwärtig. Fotos: Aline Hirseland
Aus den Fenstern der Busse schieben die Voceros ihre Köpfe. Sie sind oft noch Kinder und dienen als menschliche Lautsprecher, die mit heiserer Stimme die Haltestellen und den Fahrpreis ausrufen: “Prado, Obelisco, Perez un boliviano!” Continue reading