Die Vorsprecher
Erste Sendung „Die Vorleser“ (so nannte ich im Übrigen auch mein erstes Seminar an der FU im Jahre 2004, das sich praktisch mit Veranstaltungsorganisation und theoretisch mit Salonkultur beschäftigte). Deutsches Kulturvolk, freue dich! Mal wieder eine Bücher-Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, damit du nicht vergisst, das bedrohte Kulturgut Buch vor dem Untergang zu retten – oder damit du dich zumindest so fühlen kannst, als ob du es durchs Starren auf die Mattscheibe beim Sterben nicht alleine lässt. Dieses Mal wird uns allerdings keine One-Man-Show oder ein Quartett, sondern ein Duett kredenzt. Rein etymologisch geht es also in Richtung Zwiegespräch; und in Vorab-Interviews bekundeten beide zukünftigen Buch-Moderatoren, die Bestseller-Autorin Amelie Fried und der Kritiker Ijoma Mangold, dass sie nicht den Verriss im Sinn hätten, sondern “interessante Argumente” und Empfehlungen (Mangold) geben und “Bücher anschaulich machen” wollten (Fried). Getwittert wurde heute schon fleißig, dass die Bücherliste der Sendung bereits verkaufsfördernd wirkte, gegrüßt seiest du, oh, Oprah Winfrey, du Vorbild aller Lese-Talkshows.
Nun sitzen die Neuen da, auf einem roten Ecksofa, in einem Studio, das unspezifischer und langweiliger nicht sein könnte: unverputzte Klinkerwände, bisschen Live-Publikum (vor allem blonde Damen zwischen 25 und 35, oder wurden die alle nach vorne gesetzt? Um Abendgarderobe wurde gebeten, wie man hier erfährt), Fenster-Rückwand mit Blick auf Altbauten. Ja, ja, Hamburg, du Weltstadt… Da ist ja sogar kulturzeit poppiger: Dort wagt man großräumige Kamerafahrten, Überblendungen, Lichtspiele! Das Schlimmste an allem ist das Bücherregal, an dem Ijoma Mangold seine Drei-Minuten-Kritiken loswerden muss und das eher wie ein Eckschrank ohne schützende Ecke wirkt. Anlehnen kann man sich hier nicht, dann fiele es wohl um. Also steht Mangold etwas linkisch davor und spricht seine 3×3-Minuten, ein Format, das dann aber durchaus funktioniert. Der „junge Wilde“, wie Frau Fried ihn neckt, rezitiert frei und sicher, wohlbetont und rhythmisch austariert, mit dem Hauch eines Zittern in Händen und Stimme. Aber das ist ok, das macht ihn sympathisch. Aufregung bei einer Premiere ist menschlich. Da die meisten Kritiker durch Sprachfehler auffallen (Reich-Ranicki und Scheck durch naiv wirkendes Lispeln, die Krimiautorin Thea Dorn durch ein dramatisches Zisch-S) ist Mangold ein wahrer, Radio-kompatibler Hörgenuss. Nervig dagegen sein posierendes Zuhören und Sitzen, zurückgelehntes Großkritiker-Gehabe, das ihm nicht steht (er ist doch der junge Wilde!), dazu sein Blick, der zwischen Dackeltreue und Pitbullgrimasse changiert. All das hat er doch gar nicht nötig!
Amelie Fried wirkt dagegen entspannt, souverän und einnehmend. Es liegt wohl an ihrer TV-Erfahrung, denn sie strahlt förmlich aus dem Bildschirm heraus, so als säße sie in meinem Wohnzimmer. Was auffällt: Sie lächelt deutlich mehr als ihr Kollege. Und so wird diese Lesesendung, in der überhaupt nicht vorgelesen, zumindest aber angeregt wird, im Familienkreis mehr vorzulesen, zu einer freundlichen, nett dahin plätschernden Veranstaltung, mit ebenso netten Büchertipps, ohne Überraschungen, na gut, der Gast und Schauspieler Walter Sittler war doch mal ein ungewöhnlicher Gesprächspartner, intelligent und sympatisch. Trotzdem: Man bleibt etwas ratlos zurück, ob man im September erneut einschalten soll, oder ob es nicht reicht, die Bücherliste online noch vor der Sendung einzusehen, um mitreden zu können. Ich wünsche mir, wenn ich ehrlich sein soll, Benjamin von Stuckrad-Barre zurück, zumindest für ein paar Minuten in einer Live-Schalte oder so, jemanden der polarisiert und dreist ist, der etwas wagt, der begründet überheblich sein kann, aber ebenso charmant, einen Aufreger. Der kann wenigstens vorlesen. Und würde darüber vielleicht auch wieder ein Buch schreiben. Das kann ja auch nicht schaden. Nikola Richter
