“Allein unter Liegenden”
Weil ich nicht sicher bin, frage ich. Nein, wo die beerdigt sind, weiß die Dame in der Stuttgarter Touristeninformation nicht, aber ja, einen Waldfriedhof, den gäbe es in Stuttgart. Ganz einfach zu erreichen mit der U14 bis Südheimer Platz und dann umsteigen in die Seilbahn hoch zum Friedhof. Aber erinnere ich mich richtig? In der nächstgelegenen Buchhandlung werfe ich einen klärenden Blick in Stefan Austs Baader-Meinhof-Komplex. In der Tat: „Am 27. Oktober 1977 wurden Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Stuttgarter Waldfriedhof beigesetzt. Bürger protestierten dagegen, daß die drei Terroristen auf einem Friedhof die letzte Ruhe finden sollten. Manche verlangten, die Leichen sollten in die städtische Müllkippe geworfen werden.“
Ein Vierteljahrhundert nach dem Selbstmord der Stammheimer ist die Erinnerung an die revolutionären Pläne der RAF als konkrete politische Utopie einer besseren, gerechteren Einrichtung der Welt verblasst. Stattdessen hat das „RAF-Phantom“ (Klaus Theweleit) in der Populärkultur eine widergängerische Präsenz gewonnen. Der englische Pop-Musiker Luke Haines hat 1996 ein – im übrigen gar nicht so schlechtes – Konzeptalbum mit dem Titel Baader-Meinhof veröffentlicht. Trendige Accessoires wie Sofakissen mit der Aufschrift „Terrorist“ und billige T-Shirts mit dem Kalaschnikow-Symbol der RAF sorgen für radical chic bei modischen Großstadtbewohnern. Elfriede Jelinek hatte Recht, als sie 1990 in Wolken. Heim. schrieb: „Auf der Erde kommen wir nicht zur Ruh, noch als Begrabene bleiben wir gegenwärtig, und wir kommen wieder, wir kommen wieder! Der Boden ist unser Übergang, hinüber ans Ende der Zeiten.“
Eine Viertelstunde benötigt die U-Bahn vom Hauptbahnhof bis zum Südheimer Platz. Die Seilbahn erweist sich als eine Überraschung: Gebaut gegen Ende der zwanziger Jahre, ist sie Teil des städtischen Verkehrsverbunds. Ohne eine zusätzliche Fahrkarte zu lösen, kann man sich in die hellbraun lackierte Holzkabine setzen. Ich bin der einzige Passagier, als der Fahrer eine Hupe als Abfahrtsignal betätigt und das merkwürdige Gefährt sich in Bewegung setzt. Ruckelnd, knarzend, irgendwie unwirklich steigen wir stetig den steilen Hügel hinauf, der mit schwarzer Krawatte bekleidete Chauffeur setzt als ein moderner Charon über, fort von der umtriebigen Stadt in der Talsenke, hinauf ins Reich der Toten auf dem bewaldeten Hügel. Der schon seit dem Morgen unaufhörlich fallende Regen trägt ein übriges bei, die Stimmung zu verdüstern. Nach knapp vierminütiger Fahrt sind wir am Ende der über 500 Meter langen Strecke angelangt. Der Waldfriedhof liegt nur einen Steinwurf entfernt. Am Eingang steht der obligatorische Schaukasten mit offiziellen Informationen und Hinweisen auf die Gräber Prominenter. Bundespräsident Theodor Heuss und der Industrielle Robert Bosch etwa sind hier begraben; auf die Terroristen natürlich kein Hinweis.
Eine Überraschung, als ich in der Friedhofsverwaltung nachfrage: Nicht hier, sondern im benachbarten Dornhaldenfriedhof befinde sich das Grab. Die für Auskünfte eigentlich nicht zuständige Frau beschreibt mir detailliert den Weg. Als ich am Vortag in Stammheim Gefängnis und Gerichtsgebäude fotografierte, war das Misstrauen und die Ablehnung des dort arbeitenden Security-Personals nicht zu übersehen. Fotografieren sei verboten, erklärte man mir barsch, obwohl es nirgends entsprechende Hinweisschilder gab. Doch hier bei den Gräbern ist man freundlich, begegnet mir mit vorsichtiger Neugier. „Mit dem Tod muss jede Feindschaft aufhören“, hatte Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel 1977 zur Beerdigung der Terroristen erklärt. Der Tod macht eben alle gleich, Täter wie Opfer, Verfolger wie Verfolgte. Beide waren sich ja sowieso ähnlicher, als sie eingestehen wollten.
Durch den Niesel gehe ich einen trostlosen, verlassenen Parkplatz entlang. Dann ist eine vielbefahrene Straße zu überqueren, ein kleiner asphaltierter Waldweg führt hinauf zum Dornhaldenfriedhof. Es ist eine kleine Anlage, ein hufeisenförmiges Gelände, von vereinzelten Gräbergruppen strukturiert. Noch viel Platz für den Tod, denke ich mir. Da kein Friedhofspersonal zu sehen ist, mache ich mich auf die Suche. In irgendeiner Ecke vermutlich, abseits von den letzten Ruhestätten anständiger Bürger muss das Grab der Unruhestifter liegen. Wer will schon neben Terroristen beerdigt liegen? Nach ziel- und erfolgloser Suche, frage ich schließlich den zwischenzeitlich aufgetauchten Aufseher. Ein sympathischer Endvierziger mit Glatze und in einem grünen Overall. „Gruppe 99, letzte Reihe“ – auch er gibt mir freundlich Auskunft.
Schnell ist das Gemeinschaftsgrab gefunden, vorhin bin ich nur wenige Meter daran vorbei gelaufen. Der Regen hat jetzt aufgehört. Ich fotografiere die Begräbnisstätte. Sie liegt unauffällig inmitten durchschnittlicher Grabfelder, unterscheidet sich von ihnen freilich durch die Absenz von Kreuzen, Engeln oder tröstlichen Bibelsprüchen. Nur die Namen der drei Toten – Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe – sind auf dem einfachen Grabstein eingemeißelt, und eine Zeile mit Ort und Zeitpunkt ihres Todes: „Stuttgart-Stammheim, 18. Oktober 1977“. Ein rotes Grablicht steht verlassen neben dem Grabstein, das Paraffin ist längst ausgebrannt, der rote Plastikbecher hat sich mit Regenwasser gefüllt. Rot muss einmal auch die Gravur des Grabsteins gewesen sein. Erst nach genauem Hinsehen erkenne ich schwache Farbspuren.
Als ich nach ein paar Minuten zurück zum Aufseher gehe, ist er verschwunden. Meine Fragen bleiben unbeantwortet: Ob das Grab noch häufig besucht wird? Wer kommt für die Instandhaltung auf? Ob es Schändungen gegeben hat? Oder ob dort noch immer Sympathisanten hinpilgern? Ich gehe langsam zurück zu Seilbahn. Zwischenzeitlich hat es wieder zu regnen begonnen. Gleichzeitig beginnt die Sonne, sich vorsichtig durch die graue Wolkendecke zu kämpfen. Ich setze den Kopfhörer meines Walkman auf und höre Cat Powers melancholisches The Covers Record. Darauf gibt es eine alte David Bowie-Nummer. Begleitet nur von einem Klavier haucht Chan Marshall geradezu flehentlich die Zeilen: „Let me fly away with you/ We are creatures of the wind/ Wild is the wind“. Musik, die bis heute in mir nachhallt. Der ungenannte Literat
