Was für ein Typo bist du?

August 29th, 2009

Neulich stand ich in einer historischen Druckwerkstatt. Jede Schriftsorte war in einem eigenen Schrank untergebracht, jede einzelne Schriftgröße lag in von Kästchen unterteilten Schubladen. Mit der Zeit, so erzählte die Druckerin, nutzen sich die Schriften ab, sie würden durch den Druckvorgang ein wenig platt gedrückt, so dass sie irgendwann ihr Profil verlören. Ganze Sätze könnten so verschwinden.

ikea

Schrift ganz digital neu.

Im Internet war es lange Zeit genau anders herum. Dort herrschte Profillosigkeit unter Fonts, da aufgrund der technischen Möglichkeiten immer wieder auf ein paar simple Systemschriften zurückgegriffen wurde, darunter vor allem Verdana. Das könnte jetzt anders werden, freute sich Martin Z. Schröder im Juli in der Süddeutschen Zeitung. Das Programm @font-face ermögliche den Browsern alle die Schriften zu verwenden, die ihnen die jeweiligen Server der Webseiten anböten. 

Statt sich der Vielfalt der schönen Schriften zu verschreiben, hat Ikea nun das Gegenteil getan und damit viel Unmut ausgelöst. Das schwedische Möbel-Unternehmen setzte seinen Katalog für 2010 nicht mehr in einer speziellen Version von Futura, sondern in der Internetschrift Verdana. Typographen sind geschockt. Aber könnte man es nicht auch anders sehen? Wir gewöhnen uns immer mehr an das Lesen im Netz, die Netzschriften programmieren sozusagen auch unser Offline-Leseverhalten. Orientierte sich das Webdesign, besonders bei Blogs, zuletzt immer stärker an Magazin-Layouts (großes Startbild, viele Texte und Fotos auf der Startseite), dreht sich der Spieß jetzt um. Internet-Kulturen verändern die Print-Kulturen. Und das Schreiben. So konstatierte Felicitas von Lovenberg in einem wunderbaren Text über die Cover der herbstlichen Buch-Neuerscheinungen, dass Literatur “immer interaktiver” werde, etwa Maria Cecilia Barbettas “Änderungsschneiderei Los Milagros” (2008), aber auch schon W.G. Sebalds “Ringe des Saturn” (1995), Werke, die Fotos, Zeichnungen, Diagramme in den Text einbauen. In Zeiten, in denen sich das Buch als sinnlich wahrnehmbares Ding deutlich gegen das billigere, aber nicht-fühlbare E-Book absetzen müsste, würden typographisch aufwändige Ausstattungen zurückkehren. Und wenn dann ein alter Drucksatz sein Profil verliert, kann man nur hoffen, dass er von einem Webprogrammierer bereits netztauglich gemacht wurde. Denn typisiert machen weder das Netz- noch das Papier-Lesen Spaß. Nikola Richter