Wir müssen draußen bleiben

September 7th, 2009
Budapest Pride unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Foto: Robert Katona

Budapest Pride unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Foto: Róbert Katona

Am Ende des Regenbogens ist es dunkel. Ein paar Hundert Menschen stehen dort vor einer mannshohen Absperrung aus Stahl. Hinter dem Zaun, der sich über die gesamte Breite der großen Ringstraße der ungarischen Hauptstadt spannt, hat sich eine Kette von Polizisten in Schutzkleidung aufgereiht. Weit mehr als ein Steinwurf liegt zwischen dem großen Banner in den Regenbogenfarben, das die Teilnehmer der Budapester Schwulenparade – der Budapest Pride – auf ihrem Zug über die Budapester Prachtmeile Andrássy út aufgespannt haben, und den Gegendemonstranten. Sie haben schwarze Kapuzenpullis an, tragen oft Abzeichen, die Großungarn in seinen alten Grenzen vor dem Ersten Weltkrieg zeigt. Die meisten von ihnen sind dem rechtsradikalen Spektrum zuzuordnen.

Hier vor dem kleinen eisernen Vorhang sind sie es, die den Widerstand gegen die Schwulenparade organisieren. „Ich bin hier weil wir ständig in unseren Rechten beschnitten werden, wenn wir mal einen nationalen Gedenkmarsch organisieren möchten“, sagt ein Demonstrant in der ersten Reihe. „Diese Leute hier werden dagegen vom Staat geschützt, und wir zahlen mit unseren Steuern dafür. Für ein paar hundert Schwule braucht man so einen Aufwand nicht, kein Bedarf! Sie sollen woanders hingehen und uns in Ruhe lassen.“ Die letzten Worte gehen in den plötzlich lauter werdenden Parolen unter. „Macskos buzik – Dreckige Schwuchteln“, skandieren die Demonstranten lautstark, als ein paar hundert Meter die ersten Teilnehmer der Parade vorbeiziehen. Schimpfworte fliegen in Richtung der Teilnehmer der Schwulenparade. Die Techno-Musik, die von einem Lastwagen kommt, wird vom Gebrüll der Männer und Frauen, die ihrem Hass Ausdruck verleihen, locker übertönt. Continue reading

Was hat Freiheit mit Europa zu tun?

März 23rd, 2009

freiheit-klausbrockmeier

Schon wieder ein Mauerbild, das passt so gut bei 1989-Themen. Foto: flickr/klaus.brockmeier

Wer in einer pluralistischen Gesellschaft aufwächst, zum eigenen Denken erzogen wird, und mit Zahnbürste, Reisepass und Kreditkarte ins Flugzeug steigen und überallhin fliegen kann, hat einen gewissen Grad an Freiheit erreicht. Dass die Wende von 1989 eine historische Zäsur war, die das Ende vieler Diktaturen gebracht, und das Zusammenwachsen Europas möglich gemacht und Freiheit gebracht hat, steht außer Frage. Dennoch wird gerade zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls oft vergessen, dass Generationen von Menschen in Osteuropa einer großen ökonomischen Belastung ausgesetzt waren, die sie auch in ihrer Freiheit eingeschränkt hat.

So erlangten die Menschen aus diesen Ländern zwar Reisefreiheit, doch konnten die meisten sich eine Reise zum Beispiel ins gelobte (westliche) Ausland schlichtweg nicht leisten. Die Vielfalt an Waren stieg an, konnte jedoch durch die Aufnahme von Schulden finanziert werden. Die Freiheit der Region ist bis heute stark mit den wirtschaftlichen Voraussetzungen und Umständen in diesen Ländern verbunden. Für Osteuropäer hat die Wende von 1989 im Umkehrschluss zunächst also nur vordergründig Freiheit gebracht.

In Mittel- und Osteuropa hatte ich oft den Eindruck, dass sich die Menschen auch in politischer Hinsicht oft nicht frei fühlen. Sicher, die politische und wirtschaftliche Transformation gilt spätestens seit der EU-Osterweiterung als abgeschlossen, nach 14 Jahren des Klopfens, wie der ungarische Autor György Dalos sagt. Continue reading