September 27th, 2009
Hochrechnung um 18.14 Uhr: Union 33,4 / SPD 22,7 / FDP 14,8 / Linke 12,5 / Grüne 10,6 / Piraten 2,1

Wahlnacht, einsame Plakate. Guido neben Steinmeier neben Angela.
Erste halbe Stunde nach Hochrechnungen: Twitterlesen ist besser und schneller als Fernsehen! Alle 10 Sekunden kommen 60-80 neue Tweets. Auf Twitter ist die Stimmung schlecht, viele wollen nur noch „kotzen“ und in den Keller gehen. Ins Bett. Auswandern. Hier eine Zitatcollage als erstes Stimmungsbild:
„Schwarzgelb ist eine Warnfarbe“ und „Willkommen im Überwachungs- und Atomstaat!“. Dass Angela Merkel (CDU) Kanzlerin bleibt, erscheint als Unausweichlichkeit, wird kaum diskutiert. Besonders an der Person Guido Westerwelle (FDP) entlädt sich der Frust: „Viel Spaß mit Guido!“ „Oh, Gott, Westerwelle als Außenminister.“ „Die soziale Kälte kommt, der große deutsche Egotrip.“ Dass mit Guido der erste homosexuelle Vizekanzler gewählt wurde, freut allerdings viele. Sie sehen bei der #btw13 schon eine rot-rote Koalition mit Wowereit als Kanzler.

Am Analysetisch des ZDF. Alle schon gegangen. Außer uns Punks. Wie man sieht, trage ich Grün.
Nur wenige sind positiv und schreiben „Jetzt wird vieles besser“. Sie raten den Piraten „Klarmachen zum Kentern“. Die Partei, die zum ersten Mal zu einer Bundestagswahl angetreten ist, hat etwa 2 Prozent der Stimmen erhalten, das sind zirka 1 Millionen Wähler – ein besseres Ergebnis als die Grünen bei ihrer ersten Bundestagswahl, wird getwittert. Interessant ist, wie den Parteien ein „groß“ oder „klein“ vorgestellt wird: Die FDP gelte als große Partei, obwohl sie kaum mehr Stimmen als die Linke habe. Peter Frey, Kommentator im ZDF, nennt den Abend den „schwärzesten Abend“ für die SPD, hier stimmt das Bild, Rückkehr der bürgerlichen „schwarzen“ Mitte. Auf zur überparteilichen Wahlparty. Ich trage heute Twittergrün. Nikola Richter
April 6th, 2009
„Na endlich, die Twitter-Wall ist an!“ ruft der junge Mann und läuft die Stufen im Halbdunkel des Berliner Friedrichstadtpalasts hinunter. Auf der Videowand der Bühne des großen Saals laufen farbige Kästchen mit Twitter-Tweets in kleiner Schrift von oben nach unten, die mit #rp09 gehashtagged und über einen speziellen Channel sichtbar gemacht werden. Sehr zur Freude der zahlreich anwesenden Blogger, Netzaktivisten und Techies, die sich zur dritten re:publica, der Konferenz für Social Media und digitale Gesellschaft zusammengefunden haben. Das Motto: Shift happens. Passend dazu heißt das Panel, zu dem Spreeblick-Gründer und re:publica-Mitveranstalter Johnny Haeusler geladen hat: „Medienwelt im Wandel“. Doch noch ahnen weder die Podiumsmitglieder noch Moderator Haeusler, dass die Wall, die jetzt kurz vor Diskussionsbeginn noch als nettes Gimmick im Raum steht, die Veranstaltung gleich gehörig durcheinander wirbeln wird.

Noch ist es ruhig auf dem Podium, im Hintergrund leuchten die Bricks der Twitter-Wall... Foto: Daniel Seiffert
Haeusler ist verständlicherweise zunächst mal nur froh darüber, dass endlich das WLAN funktioniert, das den ganzen Vormittag auf Deutschlands größten Blogger-Konferenz ausfiel – irgendwie so wie Bundesliga-Fußball ohne Ball, oder Formel 1 ohne Benzin – und erklärt die technischen Details. Ein Raunen geht durch den Saal. Erstmal Twittern! RBB-Programmbereichsleiter Helmut Lehnert, der bei Radio Fritz in den 90er Jahren immerhin als einer der ersten eine Online-Sparte aufbaute, kann sich nur schwer für den neuen Trend zum Twittern begeistern. Die Meldung über einen Flugzeugnotlandung auf den Hudson River in Echtzeit zu erfahren, sei kein Wert an sich. Und wie durch ein Wunder ist die Twitter-Wall auch erstmal von der Bildfläche verschwunden – abgeschaltet.
Freitag-Herausgeber Jakob Augstein verteidigt indes sein neues Konzept des Community-Journalismus, das bloggende Leser als Autoren der Zeitung einbindet, preist dies als „gehaltvolleres Bloggen“ und mutmaßt: „Vielleicht fällt die Zeitung irgendwann mal weg.“ Er bricht zudem eine Lanze für den professionellen investigativen Journalismus, der nötig sei, um Politik und Macht zu kontrollieren, die wahre Meinung ja komme aus der Zeitung und nicht aus dem Netz. Stimmt, der Freitag ist ja mit zweitem Namen auch „das Meinungsmedium“. Leuten mit Macht sei die Blogosphäre egal, nölt Augstein und überhaupt: Das Netz sei diesbezüglich eigentlich noch ziemlich irrelevant. Continue reading