Wir müssen draußen bleiben

September 7th, 2009
Budapest Pride unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Foto: Robert Katona

Budapest Pride unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Foto: Róbert Katona

Am Ende des Regenbogens ist es dunkel. Ein paar Hundert Menschen stehen dort vor einer mannshohen Absperrung aus Stahl. Hinter dem Zaun, der sich über die gesamte Breite der großen Ringstraße der ungarischen Hauptstadt spannt, hat sich eine Kette von Polizisten in Schutzkleidung aufgereiht. Weit mehr als ein Steinwurf liegt zwischen dem großen Banner in den Regenbogenfarben, das die Teilnehmer der Budapester Schwulenparade – der Budapest Pride – auf ihrem Zug über die Budapester Prachtmeile Andrássy út aufgespannt haben, und den Gegendemonstranten. Sie haben schwarze Kapuzenpullis an, tragen oft Abzeichen, die Großungarn in seinen alten Grenzen vor dem Ersten Weltkrieg zeigt. Die meisten von ihnen sind dem rechtsradikalen Spektrum zuzuordnen.

Hier vor dem kleinen eisernen Vorhang sind sie es, die den Widerstand gegen die Schwulenparade organisieren. „Ich bin hier weil wir ständig in unseren Rechten beschnitten werden, wenn wir mal einen nationalen Gedenkmarsch organisieren möchten“, sagt ein Demonstrant in der ersten Reihe. „Diese Leute hier werden dagegen vom Staat geschützt, und wir zahlen mit unseren Steuern dafür. Für ein paar hundert Schwule braucht man so einen Aufwand nicht, kein Bedarf! Sie sollen woanders hingehen und uns in Ruhe lassen.“ Die letzten Worte gehen in den plötzlich lauter werdenden Parolen unter. „Macskos buzik – Dreckige Schwuchteln“, skandieren die Demonstranten lautstark, als ein paar hundert Meter die ersten Teilnehmer der Parade vorbeiziehen. Schimpfworte fliegen in Richtung der Teilnehmer der Schwulenparade. Die Techno-Musik, die von einem Lastwagen kommt, wird vom Gebrüll der Männer und Frauen, die ihrem Hass Ausdruck verleihen, locker übertönt. Continue reading

Gefährlicher Starkult

Januar 19th, 2009

Fekete Pákó

Der nigerianische Sänger Lapite Oludayo hat geschafft, wovon viele Menschen seines Landes, seines Kontinents träumen. Der knapp 40-jährige Kongaspieler ist nicht nur eingedrungen in die Festung Europa, er hat in seiner neuen Wahlheimat Ungarn sogar Ruhm erlangt und viel Geld verdient. 1994 begann der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Oludayo mit einem Stipendium Rechtswissenschaften an einer renommierten Budapester Hochschule zu studieren. Nach drei Jahren brach er sein Studium ab und entschied sich endgültig für eine Musikerlaufbahn, die ihn letztlich in die ungarische Öffentlichkeit brachte und zum „Celeb“ machte, zum Star. Lapite war fortan: Fekete Pákó, der „schwarze Pákó“. Schnell haben die Medien begriffen, dass die öffentlichen Auftritte des Nigerianers eine starke Aufmerksamkeit erzeugten. Einerseits brachte dem ungarischen Ethno-Celeb seine Herkunft in Verbindung mit einem bei der Bevölkerung für außerordentlich komisch gehaltenen umlautfreien Akzent Einladungen zu Talk- und Spielshows sowie zu Boulevardsendungen ein. Anderseits feilte Fekete Pákó (oder waren es seine „Medienberater“) an einem Image des frauenliebenden Supermachos, der sich auch mal als „Schwanz der Nation“ darstellte oder im Videoclip ungarische Schlager zwischen halbnackten Teenagern sang.

Kaum verwunderlich, dass sich die Aufzeichnungen seiner TV-Auftritte (auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen) schnell auf ungarischen Internetseiten und natürlich bei YouTube verbreiteten und häufig angeklickt wurden. Die vielen Reaktionen, die die Online-Auftritte des „schwarzen Pákó“ auslösten, gehen jedoch über die Kritik an dessen öffentlicher Selbstdarstellung und schlagkräftiger „Anti-Intellektualität“, die man sicherlich zweifelhaft finden kann, weit hinaus. „Eklig, dieses primitive Tier. Soll er doch zurück nach Afrika abhauen. Wie kann man diesen stinkenden Nigger nur mögen?“, schreit ein User auf. Auch in den Kommentaren eines weiteren Videos, das auf eine Sendung des Privatsenders RTL Klub zurückgeht und in dem Pákó zahlreiche ungarische (nicht jugendfreie) Flüche ausstößt, ist dieser wüsteten Beschimpfungen ausgesetzt. Eine Menge rassistisch konnotierten Spott hagelt es auch als Reaktion auf einen weiteren Beitrag des Senders, in dem Pákó in einem Interview wiederholt vom Reporter hereingelegt wird, in dem er die fehlende Sprachkompetenz des Nigerianers ausnutzt. Auf Englisch fragt schließlich eine Userin, wem diese Person eigentlich verkauft werden soll, und schließt: „The commercial media and its consumers in Hungary are simply fucked up in mind.”

Dabei sind die Reaktionen auf den „schwarzen Pákó“ nur ein weiterer Indikator für rassistische Tendenzen in einer gespaltenen ungarischen Gesellschaft, die sich laut dem Budapester Schriftsteller György Dalos in einem kalten Bürgerkrieg befindet. Anhand von Ibolya Oláh, die vor fünf Jahren durch den Gewinn der Casting-Show Megastars berühmt wurde, zeigt der Autor in seinem Essay in der deutschen Wochenzeitschrift Freitag am 15. Januar 2009 national-rassistische Strömungen auf, die sich in Aggressionen gegenüber Minderheiten manifestieren. Die in Ungarn geborene akzentfrei sprechende Roma nahm an einer Exkursion der Reality-Show „Die Stars sind auf den Kopf gefallen“ in Südafrika teil, über die das ungarische Online-Nachrichtenportal Index intensiv berichtete. Dabei wurde sie – ähnlich wie der Nigerianer Oludayo – Zielscheibe für anonymisierten Hass im Internet.

Was bedeutet das für das World Wide Web? In den unmoderierten Foren und Kommentarspalten einschlägiger Internetseiten entwickeln auf zunehmend unkontrollierte Art und Weise „rechtsfreie“ Räume, in denen sich anonymisierte Menschen zu sagen trauen, was sie sonst nicht, oder zumindest nicht in dieser Vehemenz geäußert hätten. Betreiber großer Seiten, wie YouTube haben es scheinbar schon aufgegeben die Inhalte, die auf ihren Seiten auftauchen zu überprüfen. Mehr als Stichproben sind wohl nicht drin beim größten aller Web 2.0 – Produkte. Und was bedeuten diese Entwicklungen für die ungarische Gesellschaft? Dalos hat den Eindruck, er erlebe einen „Klassenkampf der loser und der celebs, der Namenlosen und der Namhaften“, eine Low Society. Für die Exhibitionisten Oludayo und Oláh und ihre anonymen Gegner trifft dies wohl auch zu. Andererseits gibt die negative Betonung der Minderheitenzugörigkeit des „schwarzen Pákó“ und der „Zigeunerin Ibolya“ den Blick frei auf einen realen gesellschaftlichen Abgrund, in dem rassistische und antisemitische Äußerungen zur Normalität werden – und ohne Konsequenzen bleiben. In den Vereinigten Staaten wird mit Barack Obama in dieser Woche der erste afroamerikanische Präsident vereidigt – ein Quantensprung. Wo steht Ungarn heute auf dem Weg in eine multiethnische Gesellschaft, wenn der einzige bekannte Schwarze des Landes zum Gespött der Medien und seiner Konsumenten wird?

Im vergangenen Jahr wurde Lapite Oludayo von einem rechtsradikalen Radiosender zum Interview gebeten. Laut eigener Aussage fürchtete er um sein Leben, als er bemerkte mit wem er es zu tun hatte. Deshalb sei er den Aufforderungen, den Hitlergruß zu machen und „Sieg Heil“ zu rufen nachgekommen. Das im Internet veröffentlichte entsprechende Video kostete ihn beinahe seine Teilnahme an der ungarischen Variante der Show „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ (Celeb vagyok, mentsd ki innen). Fast hätte er sich selbst herausgeholt – vielleicht wäre es so besser gewesen. Andreas Bock